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St. Marien-Hospital - Aktuell

Zur Auftaktveranstaltung waren Referenten wie Prof. Dr. Dr. Jochen Vollmann (links), Leiter des Institutes für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität Bochum und Dr. Martin Mayer (2. v. l.), Oberarzt der Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie im St.-Agnes-Hospital-Bocholt, eingeladen. Weiterhin auf dem Foto Geschäftsführer Christoph Bröcker (3. v. l.) und der Leiter des Klinischen Ethikkomitees Dr. Timo-Ludwig Hartmann (r.).

St. Marien-Hospital Borken GmbH führt ein klinisches Ethikkomitee ein


Hilfestellung bei ethischen Fragen

Die erst 43-Jährige Patientin erhielt im Krankenhaus eine erschütternde Diagnose – metastasierendes Uterussarkom mit Einmauerung der Unterbauchgefäße. Diese sehr seltene Krebserkrankung ist in diesem fortgeschrittenem Stadium inoperabel und damit unheilbar. Doch die Mutter zweier Kinder ließ sich nicht unterkriegen und nahm mit unbändigem Lebenswillen den Kampf gegen den Krebs auf. Leider vergeblich. Nach einem Jahr wurde sie notfallmäßig, mit akutem Nierenversagen und Darmverschluss, erneut in der Klinik aufgenommen. Die Ärzte wussten, dass der Fall aussichtslos war und therapeutische Maßnahmen ohne Erfolg bleiben würden. Schlimmer noch – der Beginn einer Behandlung würde voraussichtlich sogar eine Verlängerung der Leidenszeit der Patientin bedeuten. Doch die Verzweiflung der Angehörigen war verständlicherweise sehr groß. Sie setzten alle Hebel in Bewegung, um eine therapeutische Maßnahme zu erreichen. Chirurgen, Onkologen und Intensivmediziner wurden um Hilfe gebeten. Der Hausarzt als Vermittler eingesetzt und über die Verlegung in eine Uni-Klinik nachgedacht. Aufgrund des hohen äußeren Drucks reagierten die behandelnden Krankenhausärzte – wider besseren Wissens – mit der Einleitung einer Dialysebehandlung.

Eine Konfrontation mit solchen schwierigen ethischen Entscheidungsprozessen gehört zum Alltag von Medizinern, Pflegenden und auch anderen Berufsgruppen. Eine Orientierungshilfe verspricht die Einbindung eines klinischen Ethikkomitees (KEK) in den Krankenhausalltag. Dieses hat die St.-Marien- Hospital Borken GmbH jetzt ins Leben gerufen.

Die Hauptaufgabe eines klinischen Ethikkomitees ist es, eine Therapieempfehlung zu finden, die am ehesten dem Patientenwillen entspricht. Es unterstützt ratsuchende Personen – Patienten, Angehörige, Mitarbeiter des Hauses – in ethischen Konfliktsituationen und trägt dazu bei, gemeinsam Lösungen zu finden, die von allen Beteiligten mitgetragen und verantwortet werden können. „Dabei können wir jedoch lediglich eine Handlungsempfehlung geben. Die endgültige Therapieentscheidung liegt weiterhin bei dem behandelnden Arzt“, betont der Leiter des KEK, Dr. Timo-Ludwig Hartmann. Als Oberarzt der Klinik für Anästhesie- und Intensivmedizin gehört der Umgang mit Krisensituationen zu seinem Arbeitsalltag. Daher war er einer der Hauptinitiatoren des klinischen Ethikkomitees. Nach knapp einem Jahr Vorbereitungszeit konnte das Team des KEK, bestehend aus 14 Mitgliedern, Vertretern aus ärztlichen, kirchlichen, pflegerischen, sozialen und juristischen Berufsgruppen, nun das Konzept vorstellen. Dieses geschah im Rahmen einer internen Auftaktveranstaltung.

Als fester Bestandteil der Patientenversorgung und als Orientierungshilfe für alle Mitarbeiter, Angehörigen und Patienten soll das KEK als neues Instrument im Haus etabliert werden. In einem Flussdiagramm wird ganz pragmatisch klar gemacht, welche Schritte im Krisenfall unternommen werden müssen. An erster Stelle steht ein Antrag an ein KEK-Mitglied. Diesen kann jeder Mitarbeiter, auch auf Bitten von Patienten oder Angehörigen, stellen. Das angesprochene Mitglied prüft kurzfristig den Einzelfall und klärt mit der KEK-Leitung die weitere Vorgehensweise. In ethischen Notlagen sind schnelle Reaktionen erforderlich, sodass der Ablauf sehr zeitnah erfolgen wird. Regelmäßig wird sich das KEK-Team auch mit Grundsatzfragen und organisatorischen Fragestellungen auseinandersetzen. Es sollen zukünftig für das Krankenhaus relevante Leitlinien erarbeitet werden, die als Anhaltspunkte für Patienten und Angehörige dienen sollen. In Planung ist auch die Organisation von Fort- und Weiterbildungen zu ethischen Themen für die Mitarbeiter des Krankenhauses. Ebenso soll ein Forum für die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen im Klinikalltag eingerichtet werden. Auch Christoph Bröcker, Geschäftsführer der St. Marien-Hospital Borken GmbH, hat die Einbindung der KEK in den Klinikalltag von Anfang an unterstützt. „Da die Grenzen der modernen Medizin ständig erweitert werden und uns zunehmend vor Probleme in ethischen Entscheidungsprozessen stellen, möchten wir, dass Patienten, Angehörige und Mitarbeiter durch die Arbeit des KEK die Gewissheit erhalten, dass diese wichtigen Entscheidungen in geeigneter und konkreter Weise im Rahmen einer interdisziplinär besetzten Personengruppe diskutiert werden“, lautet sein Resümee.

Bei der eingangs genannten Patientin wurde nach zweitägiger Beratungszeit und intensiven Gesprächen mit der Familie der Patientin die Dialyse abgebrochen. Sie wurde nach Hause entlassen, wo sie eine Woche später im Kreise ihrer Familie friedlich einschlief.


 

01.12.2010

 
 
 
 
 
 
 
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