Die erst 43-Jährige Patientin erhielt im Krankenhaus
eine erschütternde Diagnose – metastasierendes
Uterussarkom mit Einmauerung der
Unterbauchgefäße. Diese sehr seltene Krebserkrankung
ist in diesem fortgeschrittenem Stadium
inoperabel und damit unheilbar. Doch die
Mutter zweier Kinder ließ sich nicht unterkriegen
und nahm mit unbändigem Lebenswillen
den Kampf gegen den Krebs auf. Leider vergeblich.
Nach einem Jahr wurde sie notfallmäßig,
mit akutem Nierenversagen und Darmverschluss,
erneut in der Klinik aufgenommen. Die Ärzte wussten, dass der Fall aussichtslos war und
therapeutische Maßnahmen ohne Erfolg bleiben würden. Schlimmer noch – der Beginn
einer Behandlung würde voraussichtlich sogar
eine Verlängerung der Leidenszeit der Patientin
bedeuten. Doch die Verzweiflung der Angehörigen
war verständlicherweise sehr groß. Sie
setzten alle Hebel in Bewegung, um eine therapeutische Maßnahme zu erreichen. Chirurgen,
Onkologen und Intensivmediziner wurden um
Hilfe gebeten. Der Hausarzt als Vermittler eingesetzt
und über die Verlegung in eine Uni-Klinik
nachgedacht. Aufgrund des hohen äußeren
Drucks reagierten die behandelnden Krankenhausärzte
– wider besseren Wissens – mit der
Einleitung einer Dialysebehandlung.
Eine Konfrontation mit solchen schwierigen
ethischen Entscheidungsprozessen gehört zum
Alltag von Medizinern, Pflegenden und auch
anderen Berufsgruppen.
Eine Orientierungshilfe verspricht die Einbindung
eines klinischen Ethikkomitees (KEK) in den
Krankenhausalltag. Dieses hat die St.-Marien-
Hospital Borken GmbH jetzt ins Leben gerufen.
Die Hauptaufgabe eines klinischen Ethikkomitees
ist es, eine Therapieempfehlung zu finden,
die am ehesten dem Patientenwillen entspricht.
Es unterstützt ratsuchende Personen – Patienten, Angehörige, Mitarbeiter des Hauses – in
ethischen Konfliktsituationen und trägt dazu
bei, gemeinsam Lösungen zu finden, die von
allen Beteiligten mitgetragen und verantwortet
werden können.
„Dabei können wir jedoch lediglich eine
Handlungsempfehlung geben. Die endgültige Therapieentscheidung liegt weiterhin bei dem
behandelnden Arzt“, betont der Leiter des KEK,
Dr. Timo-Ludwig Hartmann. Als Oberarzt der Klinik
für Anästhesie- und Intensivmedizin gehört
der Umgang mit Krisensituationen zu seinem
Arbeitsalltag. Daher war er einer der Hauptinitiatoren
des klinischen Ethikkomitees. Nach knapp
einem Jahr Vorbereitungszeit konnte das Team
des KEK, bestehend aus 14 Mitgliedern, Vertretern
aus ärztlichen, kirchlichen, pflegerischen,
sozialen und juristischen Berufsgruppen, nun das
Konzept vorstellen. Dieses geschah im Rahmen
einer internen Auftaktveranstaltung.
Als fester Bestandteil der Patientenversorgung
und als Orientierungshilfe für alle Mitarbeiter,
Angehörigen und Patienten soll das KEK als
neues Instrument im Haus etabliert werden. In
einem Flussdiagramm wird ganz pragmatisch
klar gemacht, welche Schritte im Krisenfall
unternommen werden müssen. An erster Stelle
steht ein Antrag an ein KEK-Mitglied. Diesen
kann jeder Mitarbeiter, auch auf Bitten von Patienten
oder Angehörigen, stellen. Das angesprochene
Mitglied prüft kurzfristig den Einzelfall
und klärt mit der KEK-Leitung die weitere Vorgehensweise.
In ethischen Notlagen sind schnelle
Reaktionen erforderlich, sodass der Ablauf sehr
zeitnah erfolgen wird.
Regelmäßig wird sich das KEK-Team auch
mit Grundsatzfragen und organisatorischen Fragestellungen auseinandersetzen. Es sollen
zukünftig für das Krankenhaus relevante Leitlinien erarbeitet werden, die als Anhaltspunkte
für Patienten und Angehörige dienen sollen. In
Planung ist auch die Organisation von Fort- und
Weiterbildungen zu ethischen Themen für die
Mitarbeiter des Krankenhauses. Ebenso soll ein
Forum für die Auseinandersetzung mit ethischen
Fragen im Klinikalltag eingerichtet werden.
Auch Christoph Bröcker, Geschäftsführer der
St. Marien-Hospital Borken GmbH, hat die Einbindung
der KEK in den Klinikalltag von Anfang
an unterstützt. „Da die Grenzen der modernen
Medizin ständig erweitert werden und uns
zunehmend vor Probleme in ethischen Entscheidungsprozessen
stellen, möchten wir, dass
Patienten, Angehörige und Mitarbeiter durch
die Arbeit des KEK die Gewissheit erhalten, dass
diese wichtigen Entscheidungen in geeigneter
und konkreter Weise im Rahmen einer interdisziplinär
besetzten Personengruppe diskutiert
werden“, lautet sein Resümee.
Bei der eingangs genannten Patientin wurde
nach zweitägiger Beratungszeit und intensiven Gesprächen mit der Familie der Patientin die
Dialyse abgebrochen. Sie wurde nach Hause entlassen, wo sie eine Woche später im Kreise
ihrer Familie friedlich einschlief.